interessante harmonien

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Sarah*
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interessante harmonien

Beitrag von Sarah* »

wie findet ihr eigentlich interessante harmonie-verbindungen?
habt ihr ein system dafür?
improvisiert ihr, bis sich etwas findet oder lehnt ihr euch an etwas an, was ihr gehört habt, oder konstruiert ihr harmonien zunächst im kopf?

(ich meine jetzt fortschreitende harmonieverläufe, über die man dann melodien legen könnte, nicht das vertiakle harmoniegerüst, um eine bestehende melodie zu harmonisieren.)
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Solarzelle
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Re: interessante harmonien

Beitrag von Solarzelle »

Der Begriff "interessant" ist sehr dehnbar. was verstehst du denn darunter? und was möchtest du denn stilistisch machen?

Grundsätzlich gibt es kein Patentrezept für "richtiges" harmonisieren. Aber ein paar Regeln, die dir das leben leichter machen. Stichwort Stimmführung. Spiel mal in einem vierstimmigen Satz die Einzelstimmen für sich. So jede Stimme für sich eine Melodie ergibt, wird der Satz organischer klingen. Willst du im klassischen Stil komponieren, bietet es sich durchaus an, mit der Melodie zu beginnen. danach kommt der Bass, die mittleren stimmen werden aufgefüllt. Muss man aber nicht so machen. ich habe z.B. immer ein paar harmonische Standardwendungen in den Fingern. Die drücke ich manchmal in die Tasten und lege dann eine Melodie drüber. In der Regel beginne ich aber schon mit der Melodie, habe dabei bereits eine harmonische Vorstellung, und fülle das ganze mit einer mischung aus technischem Vorwissen und etwas rumfrickeln aus.

Organischer klingt es, wenn man etwas auf Parallelen achtet. Terzen und Sexten kann manz.B. in Parallelen führen, Quint- oder Oktavparallelen klingen im klassischen Harmoniegefüge nicht so dolle. In der Rockmusik sind Parallelen dagegen üblich und können sich durchaus gut anhören. letztlich ist dein Ohr oder dein Geschmackssinn die letzte Referenz.
Sarah*
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Re: interessante harmonien

Beitrag von Sarah* »

hi solarzelle,

<Der Begriff "interessant" ist sehr dehnbar. was verstehst du denn darunter?

also ich meine eben harmonieverbindungen, die über das I,IV,V + paar nebenstufen der üblichen pop-songs hinaus geht...... "interessant" fand ich z.B. ein chorwwerk von samuel barber, wo er statt einer "normalen modulation" eine/mehrere chromatische rückungen einbaut und die melodie drüber ausgesprochen hübsch klingt.....und dann rückt er das ganze wieder zurück......

<und was möchtest du denn stilistisch machen?

das ist erst mal nicht so wichtig.

<Grundsätzlich gibt es kein Patentrezept für "richtiges" harmonisieren. Aber ein paar Regeln, die dir das leben leichter machen. Stichwort Stimmführung. Spiel mal in einem vierstimmigen Satz die Einzelstimmen für sich. So jede Stimme für sich eine Melodie ergibt, wird der Satz organischer klingen. Willst du im klassischen Stil komponieren, bietet es sich durchaus an, mit der Melodie zu beginnen. danach kommt der Bass, die mittleren stimmen werden aufgefüllt. Muss man aber nicht so machen. ich habe z.B. immer ein paar harmonische Standardwendungen in den Fingern. Die drücke ich manchmal in die Tasten und lege dann eine Melodie drüber. In der Regel beginne ich aber schon mit der Melodie, habe dabei bereits eine harmonische Vorstellung, und fülle das ganze mit einer mischung aus technischem Vorwissen und etwas rumfrickeln aus.
Organischer klingt es, wenn man etwas auf Parallelen achtet. Terzen und Sexten kann manz.B. in Parallelen führen, Quint- oder Oktavparallelen klingen im klassischen Harmoniegefüge nicht so dolle. In der Rockmusik sind Parallelen dagegen üblich und können sich durchaus gut anhören. letztlich ist dein Ohr oder dein Geschmackssinn die letzte Referenz.

danke für die infos :)

dennoch zurück zu meiner frage:

wie "erfindest" oder "findest" du NEUE harmonieverbindungen - eben wenn du z.b. NICHT auf handwerkliches oder auf deine "standardwendungen" zurückgreifen willst ? :wink:
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SFriedrich
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Re: interessante harmonien

Beitrag von SFriedrich »

Solarzelle hat geschrieben: Quint- oder Oktavparallelen klingen im klassischen Harmoniegefüge nicht so dolle.
weitverbreiteter irrglaube.
"klingen" tun die schon gut, deswegen wurden sie in versteckter form auch allenthalben verwendet (bei Bach, Mozart - in der Folge sowieso, und ich meine jetzt nicht die Mozart-Quinten, sondern eher immanent mehrstimmige Führungen, mal ganz abgesehen von den andauernden quint- u. oktavparallelen zwischen basso continuo u. ausgeschriebenen stimmen. aber die müßte man hören, denn sehen kann man sie nicht, und die üblichen quintparallelenfeindlichen schulmeister habens weniger mit dem hören :wink: ).
Der Grund, weswegen sie verboten waren, ist einfach der, daß du bei parallelen oktaven u. Quinten die reale Polyphonie aufgrund des hohen verschmelzungsgrades (Teiltöne 2 u. 3) reduzierst; fortschreitungen mit nichtreinen Quinten waren übrigens auch deswegen nie ein Problem.

Zum Thema "interessante Akkordverbindungen" gäb's viel zu sagen.
eigentlich beginnen interessante Akkordverbindungen dort, wo die Funktionsharmonik zurücktritt.
aber das ist ein riesiges Feld, welches man mit zwei, drei Tips nicht sinnhaft erörtern sollte - das ist als würde man versuchen, alle Lebewesen auf diesem Planeten damit zu erklären, daß diese sich zum Teil vom Hefepilz (synonym zur Funktionsharmonik gebraucht) unterscheiden.
Das tun sich übrigens viele schöne Lebewesen in der Tat, trotzdem lob ich mir den Hefepilz. Er vergärt den Saft zu Alkohol.

Grüße:
Sigi
"Man muß sehr viel von einer Sache verstehen, um begreifen zu können, daß man von dieser Sache eigentlich doch kaum was versteht."
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Solarzelle
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Re: interessante harmonien

Beitrag von Solarzelle »

Sarah* hat geschrieben:
danke für die infos :)

dennoch zurück zu meiner frage:

wie "erfindest" oder "findest" du NEUE harmonieverbindungen - eben wenn du z.b. NICHT auf handwerkliches oder auf deine "standardwendungen" zurückgreifen willst ? :wink:
Nichts zu danken, offensichtlich habe ich dich etwas unterfordert. Nun kann ich den Grad deines Vorwissens ohne Kristallkugel leider nur schwerlich abschätzen. :wink: :D

Das hier liest ja jedermann, daher habe ich einfach ein paar Standardregeln in den Ring geworfen. Wenn ich es interessanter gestelten will - nun , ganz einfach, die Regeln erweitern oder brechen...

@Sigi, nun, alls Irrglauben würde ich es nicht bezeichnen. Häufig klingt eine Gegenbewegung besser als eine Parallelführung. In der klassischen Epoche wirst du Fortschreitungen in "nichtreinen" Quinten weiterhin höchst selten finden, Dies wäre entweder der Tritonuns oder die kleine sext. letzterer Fall ist als Fortschreitung vielleicht denkbar, würde dann aber eher in kleinen Sexten und nicht als übermäßige Quint notiert. (Wobei die Regel ohnehin nur für reine Quinten Gültigkeit besitzt. Den Grund hast du ja bereits erwähnt.)

Es ist eher eine allgemeingültige Tonsatzregel, die ein stückweit der Relativierung Bedarf.

So, und jetzt muss ich mich aufgrund Zeitknappheit ausklinken, wünsche aber noch viel Spass in der Solarzellefreien Weihnachtsdiskussion. :wink:
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SFriedrich
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Re: interessante harmonienu

Beitrag von SFriedrich »

Solarzelle hat geschrieben: @Sigi, nun, alls Irrglauben würde ich es nicht bezeichnen. Häufig klingt eine Gegenbewegung besser als eine Parallelführung. In der klassischen Epoche wirst du Fortschreitungen in "nichtreinen" Quinten weiterhin höchst selten finden, wobei die Regel ohnehin nur für reine Quinten Gültigkeit besitzt. Den Grund hast du ja bereits erwähnt.
ja, gegenbewegung mag besser klingen, speziell auch im fall paralleler sexten und terzen. :wink:
und manchmal klingt Parallelbewegung besser...
deswegen ja mein Einwand; dieses "klingt nicht so dolle" ist einfach Quatsch.
das hat als wohl erster Schönberg dezidiert ausgesprochen.
Die Komponisten haben sich ohnehin nur dort an die Regel gehalten, wo sie aufgrund der Stimmführung sinnvoll war, u. sind in anderen Fällen drüber.

Solarzelle hat geschrieben: Es ist eher eine allgemeingültige Tonsatzregel, die ein stückweit der Relativierung Bedarf.
in der Jazzharmonielehre z.B. gabs nie ein Quintparallelenverbot, in der Volksmusik auch nicht. Impressionismus ohne parallele Quinten ist nix. Expressionismus auch nicht.
Spätromantik sowieso nix. Popmusik u. viele Gitarrenmusik ohne parallel verschobene Barréakkorde ist eine Illusion (aber wem sag ich das...)
nur gibt es mittlerweile viele Musiker, die sich im gefährlichen "Halbwissensstadium" befinden, die dann eben in Stilen, in denen Quintparallelen essentiell sind, diese vermeiden. und _das_ klingt dann schlecht.

Weihnachtsgrüße:
Sigi
Zuletzt geändert von SFriedrich am 24 Dez 2008 - 11:09, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: interessante harmonien

Beitrag von Sarah* »

oh, schade.......
gibts denn kein allgemeines kompositions-konzept?

so wie kochrezepte: man nehme ein wenig von dem, dann das und je nach geschmack noch das dazu........anfangs natürlich das grundrezept je nach gericht............ danach die verfeinerungen......einteilung in leichte, schwer zu kochende gerichte, je nach zeitaufwand strukturiert..........etc.

oh, so ein buch wünsch ich mir heute vom christkind :)
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SFriedrich
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Re: interessante harmonien

Beitrag von SFriedrich »

Sarah* hat geschrieben:oh, schade.......
gibts denn kein allgemeines kompositions-konzept?
doch, schon.
aber der Weg dahin führt über Verständnis u. das
muß man sich immer erarbeiten, da gibt's keine Abkürzungen. :wink:
wenn man weiß, wieso was welche konsequenz hat, d.h. weiß, was wieso wann was bedeutet, ist man sehr frei.
Aber wenn das ohne Anstrengung erreichbar wäre (so: ich les jetzt ein Buch, dann weiß ich es), dann wäre das eine sehr limitierte Welt.
Und selbst, wenn es in Büchern steht (es steht sehr vieles in Büchern und es gibt unglaublich gute Bücher), so muß man es selber verstehen, das kann das Buch einem nicht abnehmen. Und das Verstehen braucht halt in der Regel einige Jahrzehnte, auch wenn's ganz klar beschrieben ist.
(sonst gäbs übrigens auch längst bessere komponierende Computerprogramme...)

Grüße:
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Re: interessante harmonien

Beitrag von Willy »

Was ich manchmal gerne mache, ist Songs, die ich von der Harmonik her aussergewöhnlich finde, zu analysieren und die Chord-Progressions rauszuschreiben. Besonders interessant sind für mich dabei Songs, die z.B. im Refrain in eine ganz andere Tonart wechseln, und man denkt, wow, das klingt geil, und man ist gespannt, wie kommt der jetzt elegant wieder zurück in die Vers-Tonart???...Nik Kershaw war da ein Paradebeispiel.
Ich hab auch schon mal von Celine Dion- oder Laura Pausini-Songs die komplette Akkord-Struktur in leicht abgewandelter Form übernommen und eine völlig neue Melodie drüber gemacht. Ist auch völlig legitim, sich inspirieren zu lassen und etwas über den eigenen Tellerrand zu blicken, aus seinen eingefahrenen Mustern mal auszubrechen.
Wobei ich immer wieder feststelle, dass fast alle grossen Hits auf I-IV-V mit gelegentlichen Mollparallelen basieren, die Melodie machts eben aus. :wink:
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Solarzelle
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Re: interessante harmonienu

Beitrag von Solarzelle »

SFriedrich hat geschrieben:
Solarzelle hat geschrieben: Es ist eher eine allgemeingültige Tonsatzregel, die ein stückweit der Relativierung Bedarf.
in der Jazzharmonielehre z.B. gabs nie ein Quintparallelenverbot, in der Volksmusik auch nicht. Impressionismus ohne parallele Quinten ist nix. Expressionismus auch nicht.
Spätromantik sowieso nix. Popmusik u. viele Gitarrenmusik ohne parallel verschobene Barréakkorde ist eine Illusion (aber wem sag ich das...)
nur gibt es mittlerweile viele Musiker, die sich im gefährlichen "Halbwissensstadium" befinden, die dann eben in Stilen, in denen Quintparallelen essentiell sind, diese vermeiden. und _das_ klingt dann schlecht.

Weihnachtsgrüße:
Sigi
Das ist mir alles bewusst. Ich sprach von der klassischen Epoche. Ich hatte meinen beitrag allerdings nochmal kurz editiert, da genau diese Argumentation vor meinem geistigen Auge dräute. Nun hattest du ihn bereits gelesen, daher gings unter.

Wie auch immer, die Regeln zogen sich nicht durch die Epochen, um Komponisten ihrer kreativen Impulse zu berauben, sondern weil komponieren auf ihrer Basis gut klingt. Sie entstammen natürlich der klassischen epoche. daher kommen sie am ehesten zur Geltung wenn der geneigte Komponist klassisch komponieren möchte.

Ich glaube allerdings auch an eine gewisse Übertragbarkeit. Wenn du schon Gitarrenmusik ansprichst. Akkorde im Barre´auf dem Griffbrett rauf und runter zu schieben, ist eine Marotte von Freizeitgitarristen, die ich nicht unbedingt als wohlklingend bezeichnen möchte. Zum einen klingt es nicht offen, zum anderen vermantschen die ständigen Parallelen in sechsstimmigen Akkorden den ganzen Satz. es klingt dann eben nicht mehr organisch. Akkordprogressionen klingen auf der Gitarre (vermutlich auf anderen Instrumenten auch) eleganter, wenn sich der Gitarrist der Stimmführung bewusst ist. demenstprechend kann er die Fingersätze angleichen, um eventuell einzelne Stimmen hervorzuheben oder zu binden.

In Bezug auf Impressionismus, Spätromantik und neue Musik...nun ich kann mir nicht vorstellen, dass debussy, Ravel, mahler oder schönberg dass klassische regelwerk nicht kannten. Die konnten das theoretische Modell auch nur erweitern, weil sie es beherrschten. (aber wem erzähle ich dass :wink: )

Das Brechen der Regeln in Ehren, möglicherweise werden sie im Studium auch etwas überbetont, um eine allgemeine Vergleichbarkeit der Leistungen von Tonsatzstudenten zu gewährleisten. Trotzdem, ich möchte sie nicht missen, auch da sie dem Einsteiger erstmal eine gewisse Orientierung geben. Eine Gefahr sehe ich darin nicht. das Brechen der Regeln kann übrigens auch zur Marotte werden. Da fällt mir doch glatt der Jazzdozent ein, der sich selbst zum Vorkämpfer im Sturmlauf gegen das klassische Regelwerk erklärt hatte. er pflegte desöfteren Quintparallelen in die Tasten zu drücken und seine Studenten mit wildem Blick zu fragen: "Was bitte klingt daran schlecht, erklärt mir doch mal bitte warum das verboten sein soll..."

ich persönlich finde die Frage übrigens gar nicht so wichtig, ob parallelen jetzt generell gut klingen oder nicht. Lohnenswerter ist es vielleicht zu fragen, WIE sie im jewiligen Zusammenhängen klingen. Gehäufte Quinten meist hohl und archaisch. Toller Effekt, hörbar z.B. in Himndemiths Mathis der Maler, 1. Satz. (Und ich ergänze es noch vorsichtshalber, in Werken Strawinskis, de Fallas , Schönbergs Carl Orffs... :wink: )

PS Willi, schöner Beitrag, danke!
Sarah*
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Re: interessante harmonien

Beitrag von Sarah* »

Also ich kenne inzwischen niemanden mehr, der mit komposition zu tun hat und nicht in irgendeiner form "traumatisiert" zu sein scheint von den quinten- und oktavparallelen und sei es, dass das thema in irgendeiner form rasch darauf zu sprechen kommt und dann dort zu kreisen beginnt....... :wink:
ist das nun eine art cliquenhafte zwangs-traumatisierung, der man sozusagen nicht entkommt, wenn man sich mit tonsatz und komposition beschäftigt?

<Das Brechen der Regeln in Ehren, möglicherweise werden sie im Studium auch etwas überbetont, um eine allgemeine Vergleichbarkeit der Leistungen von Tonsatzstudenten zu gewährleisten.

das würde heißen, dass die lehrer an den institutionen so im allgemeinen keine leistungskriterien für ihre beurteilungen haben? also generell eher recht schlecht ausgebildet sind? meinst du das in diesem sinne?

< Trotzdem, ich möchte sie nicht missen, auch da sie dem Einsteiger erstmal eine gewisse Orientierung geben. Eine Gefahr sehe ich darin nicht. das Brechen der Regeln kann übrigens auch zur Marotte werden. Da fällt mir doch glatt der Jazzdozent ein, der sich selbst zum Vorkämpfer im Sturmlauf gegen das klassische Regelwerk erklärt hatte.
er pflegte desöfteren Quintparallelen in die Tasten zu drücken und seine Studenten mit wildem Blick zu fragen: "Was bitte klingt daran schlecht, erklärt mir doch mal bitte warum das verboten sein soll..."

ja eben: quinten-traumatisiert! :wink:

ich verstehe auch gar nicht wirklich, wieso die quinte als konsonanz gilt.......
ich persönlich erlebe eine quint eher "dissonant", unangenehm...........die quint ist für mich irgendwie wie ein trostloser stillstand, wirkt fast langweilig, während ich eine terz oder auch sekund als viel spannender und lebendiger empfinde, das drängt nach weiterführung, in der quint ist ja der stillstand pur, wie der tod :roll: .......
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alexander
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Re: interessante harmonien

Beitrag von alexander »

das angesprochene quintparallelen trauma kriegen kompositionsstudenten halt irgendwann mal weil sie sich ziemlich ausgiebig damit auseinandersetzen muessen. wie weiter oben schon erwaehnt gibt es aber stile (v.a. metal aber auch jazz, rock, funk) wo quintparallelen unter umstaenden teil der komposition sein koennen, ein unverzichtbarer teil.

ich persoenlich versuche wenn ich was schreiben will was eher "klassisch" klingen soll quintparallelen eher zu vermeiden, wenns was moderneres ist sind mir die schnurzpiepegal solange es nur gut klingt. man muss halt wissen welches klischee (weniger boese: welchen stil) man grad bedienen will. ist ein freies land, nicht?
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Re: interessante harmonien

Beitrag von Sarah* »

hm.........

ist dann nicht der jahrelange tonsatz-unterricht viel zu kurz gegriffen?
wär es nicht besser, statt 4 jahre tonsatz, z.b. nur 2 oder 3 jahre davon zu haben um in der restlichen zeit sich mit all den neueren strömungen vertraut zu machen, die es gibt?

warum wird denn auch jazz-harmonielehre im normalen kompositionsstudium nicht unterrichtet? oder songwriting? warum wird das alles seperat aufgespalten? wie kommt da ein mensch je zu einer brauchbaren synthese?


<ich persoenlich versuche wenn ich was schreiben will was eher "klassisch" klingen soll quintparallelen eher zu vermeiden, wenns was moderneres ist sind mir die schnurzpiepegal solange es nur gut klingt. man muss halt wissen welches klischee (weniger boese: welchen stil) man grad bedienen will. ist ein freies land, nicht?[/quote]

hm........wie ist das eigentlich bei einer session? da spielen ja mehrere musiker durchaus ihre eigenen stimmen und oft übereinander oder gegeneinander.......da wird man dann ja irgendwann paranoid mit diesen quintverboten.......das wäre ja gar nicht steuerbar, weils ja improvisierte musik ist.......oder sprechen sich die musiker da vorher ab oder beschimpfen sich nachher weil einer sich vom anderen mit quinten verfolgt fühlte? :wink:
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Re: interessante harmonien

Beitrag von Saxer »

diese "verbote" sind ja grundsätzlich nie als verbote erfunden worden. die harmonielehre läuft der praxis ja nur erklärend hinterher, wie die grammatik der gesprochenen sprache. und wenn in der klassik quintenparallelen in bestimmten situationen aus praktischer sicht, zeitgeschmack oder instrumentaltechnischen gründen nicht benutzt wurden, erklärt die harmonielehre im nachhinein, warum das wohl so war. und wer klassik im traditionellen sinne machen will, sollte das auch so handhaben, weil er sonst eben keine klassik im traditionellen sinne macht.
genau so müsste es bald eine techno-harmonielehre geben, da bestimmte harmonische fortschreitungen im technobereich eben stilbrechend sind und sofort in die trance-richtung gehen (oder wohin auch immer).

wenn ich übrigens nach (für mich) neuen harmoniefolgen suche, dann mache ich mir meistens irgendwelche einschränkungen, die mich hindern, das zu tun, was ich sonst immer mache. oft genug gelingt das nicht und oft genug komme ich auch trotzdem wieder bei schon gewesenen ergebnissen raus. aber hin und wieder passiert auch (für mich) neues.

ein paar beispiele für die einschränkungen, bzw vorgaben:
- ich spiele eine linie (halbe oder ganze noten), etwa über 8 takte. diese linie folgt in ihren auf- und ab-bewegungen etwas, das ich sehe (zB oberkante von wolken, wenn ich rausgucke). diese linie MUSS danach die obere voicing-linie der neuen harmoniefolge werden.
- ich habe ein stück gemacht, wo der bass pro A oder B-teil nur einmal springen darf, ansonsten MUSS er chromatisch runtergehen (ist sogar ganz schön geworden).
- eine harmoniefolge suchen, die siebentaktig ist und wiederholbar rund klingen muss
- ich versuche ein stück in G-dur, würfele aber den akkord im 5. takt (zB Dbmaj7#11)
- ein ostinato aus drei tönen muss durchgehend passen. welche harmonischen möglichkeiten gehen?
- eine melodie muss als jedes dritte interval einen halbtonschritt nach oben haben
- harmoniewechsel, die in einem 4/4 takt bei jedem 3. viertel kommen...

usw... ich denke, das prinzip ist klar - die zu erwartenden ergebnisse allerdings nicht.
und das ist ja der sinn der sache. wie gesagt, oft kommt murks dabei raus oder zerknüllte notenblätter. aber ab und zu eben auch nicht :idea:
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SFriedrich
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Re: interessante harmonien

Beitrag von SFriedrich »

alexander hat geschrieben:das angesprochene quintparallelen trauma kriegen kompositionsstudenten halt irgendwann mal weil sie sich ziemlich ausgiebig damit auseinandersetzen muessen.
ich habe in den Jahren nie einen Kompositionsstudenten mit Quintparallelentrauma kennengelernt.
Aber viele Autodidakten, die versuchten, an Stellen, an denen QPs gut geklungen hätten, diese zu vermeiden mit der angelernten Ansicht, das "dürfe man ja nicht".
Deswegen meine Argumentation.

Und die Argumente mit gegenbewegung etc. sind bloße Scheinästhetik, denn das ganze ist erstens eine Frage des Stiles, zweitens ist gegenbewegung beschränkt;
man kann nach unten, nach oben oder liegen bleiben.
die möglichkeit, daß sich die vierte Stimme in einen Wurstsalat verwandelt, existiert nicht, also wirds irgendwo Parallelbewegung geben, ab vier Stimmen.
Was man dann parallel führt, ist dann nur mehr frage dessen, was man beabsichtigt.
Mozarts Alberti Bässe fröhnen manchmal einer Quintparallelsucht, die selbst mir, einem erklärten Liebhaber derselben, manchmal fast zuviel ist...

Aber egal, wenn ich popmusikalische Orchestereinlagen höre, in denen der Arrangeur stolz klingt, die QPs vermieden zu haben, dann erinnert es mich irgendwie an Marga, die Bäuerin von der Alm. Sie war einmal in ihrem Leben in der Stadt und hat sich daselbst ein Parfüm gekauft, das es im Dorf nicht gibt.
Sie trägt es jetzt immer, auch bei der Arbeit im Schweinestall.
Es gibt ihr ein gutes Gefühl.
Und das ist viel wert.
Almas Apfelkuchen ist übrigens der zweitbeste in Mitteleuropa.

Deswegen finde ich, daß jeder das recht darauf haben soll, Quintparallelen zu vermeiden, auch dort, wo sie gut klängen.
Das ist oft eine Wohltat für das Selbstwertgefühl.

Aber einem Schüler zu sagen, sie "klängen schlecht", ist blöd, denn das muß jeder für sich selbst beurteilen.
das ist, als würde man einem Jugendlichen sagen, Masturbieren mache eh keinen Spaß.
Das muß auch jeder für sich selbst entscheiden.

in diesem Sinne:
haltet euch von Terzparallelen fern, die klingen kitschig. :hm_big_smile:

grüße:
Sigi
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